Familienfeier

 

Gelangweilt stehe ich an der improvisierten Bar, hinter der Onkel Elmar den Barkeeper mimt.
Ich überlege, welche Art Alkohol mich vollends betäuben kann. Mir fällt keine ein. Ich werde eigentlich schon lange nicht mehr richtig betrunken. Dieses Zögern war ein Fehler. Onkel Elmar geht nun völlig in seiner Rolle auf, will mir einen Überraschungscocktail mixen. Als ich das süße, klebrige Getränk in den Händen halte, beobachte ich die Tanzfläche. Ich komme nicht rein in ihren Kreis, sie lassen mich nicht rein. In diese falsche Unbeschwertheit. Ich rauche.
Mutter folgt geschäftig ihrer Version einer altruistischen Lebensweise und sorgt für das permanente Aufstocken und Nachfüllen des Buffets. Nebenbei spiel sie den Abfalleimer für die Sorgen und Nöte sämtlicher Verwandter. Ihre Empathie ist echt, auch wenn sie oft nicht zuhört und ganze, spannende Teile verpasst, weil sie zwischendurch wachsam Richtung Buffet schult, ob noch genug da ist, wir also nicht jämmerlich verhungern müssen. Ich stelle mir die Schlagzeile vor. „Es sollte ein heiteres Familienzusammentreffen werden. Aber es endete in einer Tragödie…“
Ich ziehe, immer noch nicht betrunken, durch den Saal. Gespräche und Diskussionen, die ich aufschnappe. Oma findet alles „schön schön“. Auch wenn Tante Rosie erzählt, dass sie sich vorläufig von Onkel Sigmar getrennt hat.
„Und wie geht’s Dir min Jung?“
„Richtig Scheiße.“
„Das ist die Hauptsache, schön schön.“
Irgendwann fällt jemandem auf, dass Vater verschwunden ist. Alle fangen an ihn zu suchen. Hysterisch, unkoordiniert und mit einem völlig queren, übertriebenen Pathos.
Vater und ich. Das ist so eine Sache. Irgendwann, und das ist schon lange her. Ein Bruch. Irgendwas. Auf jeden Fall der vergebliche Versuch, ihm nahe zu sein, sein Interesse zu erwecken, es ihm recht zu machen. Ich beteilige mich nicht an der Suche. Nicht aus Ignoranz oder Desinteresse. Vielleicht weil ich da einfach nicht mitmachen kann, egal, was heute noch passiert. Die strafenden Blicke meiner Verwandten entgehen mir aber nicht während ich rauchend, mit einem Bierglas in der Hand auf einer erhöhten Wiese stehe und das Treiben von oben beobachte. Onkel Sigmar fragt entgeistert, wo mein Gemeinschaftssinn geblieben wäre, was denn los sei verdammt, ob es mir vollkommen egal sei, wo Vater ist.  „Das würde ich so nicht sagen…“
Endlich finden sie ihn. Unten am Seeufer, betrunken und wahrscheinlich mit einem Sonnenstich von den letzten Stunden, die er da so lag. Alle atmen auf und gehen wieder rein, auch Mutter. Ich gehe zu Vater, setze mich neben ihn. Er schläft. Mittlerweile ist die Sonne untergegangen. Es weht ein milder Wind. Ich halte seine Hand. Wir verbringen Stunden so zusammen, auch wenn Vater nichts davon merkt. Irgendwann wird mir kalt. Ich rauche noch eine und gehe rein, bekomme gerade noch mit, wie Opa sich mit Mutter anlegt. Irgendwann steht Vater in der Tür, wie von den Toten auferstanden und außer einem Sonnenbrand völlig unversehrt.
So als wäre nichts geschehen, stürzt er auf Mutter zu, zieht sie auf die Tanzfläche und schwankt mit ihr durch den Raum. Kurz treffen sich unsere Blicke. Ein wenig schielend lächelt er mir zu. Ein warmer Strom durchzieht meine Magengegend. Ich lächle zurück. Auch wenn ich weiß, dass er einen Filmriss hat, dass er sich an nichts erinnert.